Gesetzliche Rente

Wenn wir über Altersvorsorge reden, müssen wir zuvor auch über die staatliche Rente reden. Sie kennen ganz sicher noch den vollmundigen Spruch: „Die Rente ist sicher.“ Das mag sogar ganz gewiss auch in der Zukunft der Fall sein. Fragt sich nur – in welcher Höhe?

Rentenarten

Die grundsätzliche Idee hinter dem Rentenmodell ist es, den Einzelnen vor Armut, die aus einer wie auch immer gearteten Berufsunfähigkeit resultiert, zu schützen. Deshalb besteht die Rente nicht nur aus der Vorsorge für den Ruhestand (die sogenannte Altersrente). Auch Fälle, in denen Personen durch Krankheit, Unfälle oder den Tod des Familienmitglieds, das die Versorgung der Familie bestritten hat, nicht mehr in der Lage sind, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, sollen von der Rente aufgefangen und abgefedert werden. Deshalb ist die Rente in verschiedene Rentenarten unterteilt (§ 33 Abs. 1 SGB IV):

  • Rente wegen Alters (§§ 35ff SGB IV)
  • Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit (§§ 43ff SGB IV)
  • Rente wegen Todes (§§ 46 SGB IV)

Die Rentenversicherung in Deutschland kann auf eine mehr als einhundert jährige Geschichte zurückblicken und hatte ihre Anfänge bereits unter Reichskanzler Bismarck. Seit seiner Entstehung hat das Rentenmodell in Deutschland einige grundlegende Änderungen erfahren. Von der Finanzierungsgrundlage bis hin zu den Inhalten wurde die Rentenversicherung über die Jahre hinweg nachgebessert und versucht den realen Gegebenheiten anzupassen.

Rentenmodell 

Das ursprüngliche Modell, das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung von 1889, stellte eine Art Zusatzeinkommen dar, das lediglich Arbeitern und Angestellten, die ein Alter von 70 Jahren überschritten hatten, ausgezahlt wurde und bei der damaligen Lebenserwartung nur einer sehr überschaubaren Personengruppe zugutekam. Die Senkung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre wurde 1916 vorgenommen. Ein grundlegender Schritt war die Rentenreform von 1957 unter Konrad Adenauer, bei der die Finanzierung der Renten durch das Umlagemodell und die Anpassung an die Lohnentwicklung beschlossen wurde. Der Generationenvertrag war fortan die Basis des deutschen Rentenmodells.

Generationenvertrag

Konkret heißt das: Die Rentenauszahlungen von heute sind die „eingesammelten“ Rentenbeiträge und Bundeszuschüsse von gestern. Damit „mutierte“ die gesetzliche Rente zum staatlich legalisierten Schneeballsystem. Wikipedia beispielsweise beschreibt ein Schneeballsystem so: „Als Schneeball- oder Pyramidensystem werden Geschäftsmodelle (zum Beispiel das staatliche Rentensystem) bezeichnet, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern benötigen analog einem den Hang hinab rollenden und dabei stetig anwachsenden Schneeball. Gewinne für Teilnehmer (hier die monatlichen Renten) entstehen beinahe ausschließlich
dadurch, dass neue Teilnehmer (im Wesentlichen also derzeitige Arbeitnehmer und Arbeitgeber) in den Systemen mitwirken und Geld investieren (sprich: Rentenbeiträge entrichten). Schneeballsysteme sind Spezialfälle von Systemen, welche auf unendliches Wachstum unter endlichen Rahmenbedingungen angewiesen und daher grundsätzlich instabil sind.“

Ein weiterer wichtiger Schritt wurde 1972 getan, als unter Willy Brandt erstmals die Möglichkeit für Langzeitversicherte geschaffen wurde, bereits mit 63 in Rente zu gehen und auch Selbstständigen und Hausfrauen die Option eröffnet wurde, der Rentenversicherung beizutreten. In den Folgejahren konnten auch Erziehungszeiten als Anrechnungszeiten ins Rentenrecht integriert werden. Es kam zu einem stetigen Absinken des realen Renteneintrittsalters. Dies konnte teilweise erheblich früher verwirklicht werden, als es die gesetzliche Regelung vorsah. Aber bereits zu dieser Zeit – in den frühen achtziger Jahren – wurde mit Blick auf die demografische und wirtschaftliche Entwicklung damit begonnen zu versuchen, die Altersgrenze für den Renteneintritt wieder nach oben zu korrigieren. Ein Prozess, der momentan mit der immensen Stärkung privater und betrieblicher Selbstvorsorge und der Rente mit 67 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, was vor allem vonseiten der Versicherten und deren Interessenvertretern heftig kritisiert wird.

Rentenreform

Allen Reformen der Vergangenheit ist gemeinsam, dass sie stets sehr stark umkämpft waren. Nicht zuletzt auch deshalb wurde durch die Zusammenführung der verschiedenen Rentenarten unter dem Dach des SGB IV keine Vereinfachung des Rentensystems erreicht. Ganz im Gegenteil gehört das deutsche Rentensystem heute zu den kompliziertesten in Europa. Die genaue Berechnung der Rentenansprüche ist dermaßen komplex und kompliziert geworden, dass in der Regel nur noch Fachleute und Experten in der Lage sind, sich im Dickicht der Paragrafen und Ergänzungen zurechtzufinden. Und auch in 2014 wurde zum 01. Juli ein neues vierteiliges Rentenpaket verabschiedet – viel Wirbel für Wenige.

abschlagsfreie Rente ab 63

Die „Rente ab 63“ ist eine Ergänzung der 2012 eingeführten Altersrente für langjährig Versicherte. Nach 45 Beitragsjahren kann man ohne Abschläge in Rente gehen. Neu ist, dass jetzt auch Zeiten freiwilliger Beitragszahlung
angerechnet werden, ebenso wie kurze Unterbrechungen wie z.B. durch Arbeitslosigkeit. Die Altersgrenze „ab 63“ gilt allerdings nur für die Jahrgänge 1952 und älter. Für alle anderen bleibt es bei der 2007 beschlossenen Anhebung der Regelaltersgrenze. Allerdings können sie nach 45 Beitragsjahren ihren Renteneintritt um zwei Jahre vorverlegen.

Mütterrente

Wer für seine Kinder, die vor 1992 geboren wurden, rentenwirksame Erziehungszeiten genommen hat, erhält pro Kind einen Zusatz-Entgeltpunkt. In Zahlen: ca. 30 Euro pro Kind.

Verbesserte Erwerbsminderungsrente

Wer aus gesundheitlichen Gründen weniger als 3 oder 6 Stunden am Tag „erwerbstätig“ sein kann, hat Anspruch auf Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit (weniger als 3 Stunden = volle EMR (Erwerbsminderungsrente), weniger als 6 Stunden = halbe EMR). Seit dem 1. Juli 2014 wird die sogenannte Zurechnungszeit um zwei Jahre (von 60 auf 62 Jahre) verlängert. Es wird also angenommen, als ob Sie mit ihrem bisherigen Durchschnittseinkommen bis zum 62. statt wie bisher zum 60. Geburtstag gearbeitet hätten. Zudem werden die letzten 4 Jahre vor Eintritt der Erwerbsminderung nicht bewertet, falls dies für Betroffene günstiger ist. In Zahlen: durchschnittlich ca. 40 Euro brutto mehr Rente.

Anpassung des Reha-Budgets

Immer mehr Menschen benötigen Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation. Deshalb wurde das Budget dafür um 1,3 Milliarden Euro bis 2020 erhöht. Zum Vergleich das Budget im Jahr 2013: 5,8 Milliarden Euro.

Das heißt im Klartext

Der Großteil der gesetzlich Versicherten profitiert nicht von diesem Rentenpaket. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sorgen die beschlossenen Maßnahmen für weitere Einschnitte in
das Rentensystem. Ohne die teuren Maßnahmen hätte der Rentenbeitrag auf  18,3 % gesenkt werden können. Ein Durchschnittsverdiener im Westen Deutschlands hätte so 209 Euro mehr zur Verfügung gehabt (im Osten 176
Euro). Selbst der Präsident der Deutschen Rentenversicherung, Axel Reimann, sagt über das neue Gesetz:

„Das Rentenpaket ist nicht darauf angelegt, Altersarmut zu vermeiden.“

Das heißt: Jeder Einzelne von uns muss auf jeden Fall zusätzlich vorsorgen, um abgesichert zu sein bzw. im Alter gut leben zu können. An der mageren gesetzlichen Rente ändert sich nichts, die Änderungen bei der Erwerbsminderungsrente sind nur marginal.

Psychologisch gesehen ist die „Rente ab 63“ sogar ein Riesenfehler. Überlegen Sie nur selbst: Mit viel Mühe haben auch Sie Ihren Kunden in den letzten Jahren beigebracht: Wenn wir länger leben, müssen wir auch länger
arbeiten.

Rentenerwartung

Im Jahr 2002 lag die Rentenerwartung für einen Arbeitnehmer mit einem Brutto-Arbeitsentgelt in Höhe von 3.000 Euro bei 1.175 Euro (Altersrente mit 65 Jahren). Dies entsprach 39,2 % des Bruttoentgeltes. Nur acht Jahre später, im Jahr 2010 lag die Rentenerwartung für einen Arbeitnehmer mit dem gleichen Brutto-Arbeitsentgelt, in Höhe von 3.000 Euro, nur noch bei 892 Euro (Altersrente mit 65 Jahren). Dies entspricht 29,7 % des Bruttoentgeltes. Das heißt, in nur acht Jahren ist die Rentenerwartung aus der Gesetzlichen-Rentenversicherung, bei gleichem Einkommen und gleichem Renteneintrittsalter, „still und leise“ um 25 % gesunken. Haben Sie darüber jemals einmal einen Politiker reden hören … oder eine Zeitung schreiben?

Lebenserwartung

Die Zahl der Hundertjährigen in Deutschland hat sich vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2010 von 6.000 auf über 13.000 mehr als verdoppelt. Und die Lebenserwartung steigt auch weiterhin um weitere 0,3 Jahre pro Jahr. Das heißt aber auch andererseits, würde der Renteneintritt an die steigende Lebenserwartung angepasst werden, würde schon heute der Renteneintritt bei etwa 75 Jahren liegen müssen. Was wir brauchen, ist also sehr entschlossenes Handeln. Dies jedoch ist nicht sehr populär und für die  nächste Wahlperiode ganz sicher nicht gewinnbringend.

Die OSZE warnt vor Altersarmut, die vor allem in den Ländern zu erwarten ist, in denen private Altersvorsorge keine Plicht ist – wie beispielsweise in Deutschland. Die Politik möchte alles regulieren und kontrollieren doch zukunftsfähige Vorschläge oder gar Entscheidungen zur gesetzlichen Rente gibt es derzeit nicht. Und, das kommt erschwerend hinzu, in Deutschland sind demnächst die Rentner und Pensionäre die größte Wählergruppe …

Rentenklassen

All das zeigt eindeutig eins: Egal welche Salamitaktik Politiker heute an den Tag legen – das mit der staatlichen Rente, das ist auf Sicht gesehen endgültig vorbei, am Ende.

Heute erhalten rund 16 Millionen ehemalige Angestellte und Arbeiter  im Durchschnitt 982 Euro Rente monatlich. Fast 700 Tausend Beamte beziehen im Durchschnitt beinahe 2.500 Euro monatliche Pension und knapp 2.000 Politiker im Schnitt 4.500 Euro.

Und bei Frauen ist der Sachverhalt noch beängstigender. Etwa 9,7 Millionen Frauen bekommen durchschnittlich nur 502 Euro Rente monatlich. Und was bekommen Sie?

Rentenbescheid

Lesen Sie Ihren letzten Rentenbescheid und berücksichtigen Sie bei der Zahl, die Ihnen scheinbar vorgegaukelt wird, den Wertverlust bis zum Zeitpunkt Ihres Renteneintritts – bedenken Sie den Verlust Ihres Geldes durch die Inflation. Unter anderem ist auch das ein Grund dafür, dass ich insbesondere jungen Menschen empfehle, davon auszugehen, dass es zu Ihrer Zeit keine staatliche Rente mehr geben wird. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte das Thema nicht mehr als nötig dramatisieren.

Aber was wäre das Schlimmste was passieren würde, wenn ich Unrecht hätte? Sie würden doch noch eine kleine Mickymaus-Rente erhalten und hätten mehr Geld als erwartet zur Verfügung. Und wenn ich doch recht behalten sollte? Dann wären Sie zumindest darauf vorbereitet.

Sie, und nur Sie, sind für sich und Ihre Familie verantwortlich. Überprüfen Sie angesichts der drohenden Altersarmut von Millionen von Bundesbürgern. Ihre Altersvorsorge, Ihre VorsorgeaufwendungenIhre Investitionen und Anlagen. Hand aufs Herz, wann haben Sie das letzte Mal Ihre bestehenden persönlichen Verträge einer gründlichen Prüfung unterzogen?

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